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Luxemburgisches aus Paris

(Spezialkorrespondenz des Luxemburger Wort, 1886)

"Die Tour de France ist der krebsschaden unter dem unsere Jugend leidet. Wer nur je Fühlung mit der Pariser Bevölkerung hatte, der weiss, was dort unsere Jugend findet. Religion, Glaube und Tugend werden im Seinebabel leicht zu Grabe getragen. " LW, 5.3.1886

" Bei der Jugend im Heimathländchen ist eine " tour de France " zur Mode geworden, und es gibt, meiner Ansicht nach, keine Ortschaft des Luxemburger Landes, wo nicht weinigstens einige Jünglinge oder Jungfrauen jedes Jahr nach Frankreich auswandern. Alles Mahnen der Eltern, des Ortspfarrers vermag bei unseren jungen Leuten nichts zu schaffen, sobald diese den Beschluss einmal gefasst haben. Da werden alle Freunde, Bekannte und Verwandten aufgestöbert, um deren Beistand anzuflehen. Die erste Stelle wird angenommen, und nach und nach wird aus unserem Johann oder Peter ein wahrer " parisien ", d.h. ein Junge ohne Religion und Moral. " LW, 5.3.1886

" Alles Unheil kommt von aussen, sagte bei meinem letzten Aufenthalt im Luxemburgischen ein greiser, würdiger Dorfpfarrer zu mir. So lange man nichts von Paris und Frankreich wusste, konnte ich mit wahrem Stolze auf meine Pfarrei hinzeigen. Seitdem aber jeder Bauernjunge auf französich fluchen, und jedes Bauernmädchen mit " oui " und " non " antworten muss um das Prädikat " gebildet " zu erhalten, hat sich manches in meiner Pfarrei zum Schlimmern verändert. " LW, 29.7.86

" Ha ! Ha ! unterbrach sie mich mit Lachen, heirathen ohne seine tour de Frnace gemacht zu haben ? Nein, nie und nimmer ! Weiter nichts von der Welt kennen als den Weg von X bis nach N, wohin ich allwöchentlich mit der Butter ging, und höchstens einmal jedes Jahr in der Muttergottesoktav bis nach Luxemburg kommen ? " LW, 30.7.1886

" Sehen wir aber unsere Jugend an, wenn dieselbe sich auf die Wanderschaft begeben soll. Von Trauer kann keine Rede sein. Wochenlang singt und pfeift man auf allen Tonarten beim Gedanken, dass bald die Stunde des Abschieds schlagen wird. Diese Stunde ist höchstens eine Stunde der Trauer und Trostlosigkeit für die Eltern. Der unglückliche Gedanke an die tour de France hat das Herz des Kindes gegen alles Flehen der Eltern taub gemacht. " LW, 31.7.1886

" Vier oder fünf Jahre war der Hennes oder Pitt abwesend, darum muss er zu Hause als ein " gemachter " Junge erscheinen. Geschniegelt und gebügelt muss er sein, wenn er am Kirmessonntagmorgen zum Hochamt gehen soll, denn da ist ihm die beste Gelegenheit geboten, sich bewundern zu lassen. Nach dem Hochamt sehen wir gleich eine Menge alter Freunde und Bekannter um ihn herumstehen und er muss von Frankreich und dem schönen Paris erzählen. " LW, 4.8.1886

" Die schwierigsten, gefährlichsten und am geringsten besoldeten Stellen sind oft von Luxemburgern besetzt. Onesime Reclus schreibt in seinem Buche : La terre à vol d'oiseau, Seite 138 unter anderem Folgendes : " Die Legionen von Strassenkehrern mit rohem Aussehen und schmutzigen Kleidern, die jeden Tag bei Tagesanbruch die Strassen der Stadt Paris von ihrem Schmutze säubern, stammen aus dem Grossherzogtum Luxemburg. " LW, 4.8.1886

" Der Jüngling vom Lande träumt jahrelang von einer Stelle als Kutscher. In einem prächtigen Mantel eingehüllt, einige Stunden täglich auf dem Bock sitzen, das Pferd einstellen und dann spazieren gehen : ei ! wer möchte da den Pflug nicht mit einer solchen Stelle vertauschen ? " LW, 5.8.86

" Zahlreiche junge Leute kommen nach Paris und hoffen, in kurzer Zeit Kellner in einem Caféhause zu werden. Man muss um auf eine gute kellnerstelle Anspruch zu erheben, sich den Pariser Schliff angeeignet haben. Vor allem muss man die französische Sprache gut verstehen oder auch sprechen können, eine Bedingung, die die in Paris Angekommenen nie zu erfüllen im Stande sind. Monatelang zapft man Wein und Bier in Flaschen, verbringt die Zeit an der Bierpumpe, und wenn man zur Zeit der Mahlzeit aus den unterirdischen Gewölben ans Tagelicht tritt, so atmet man mit Freuden auf, wenn man auf einige Minuten den Anblick des blauen Himmels geniessen kann. " LW, 7/8.1886

" Sechzehn bis achtzehn Stunden muss ein Pariser Kellner hin- und herlaufen, und dass er folglich bei Zeiten seine Gesundheit einbüsst, ist leicht denkbar. Man kommt in Berührung mit Personen, deren Worte und Thaten nicht immer erbaulich sind. Von Kirche, Religion kann keine Rede sein ; dazu fehlt es an Zeit. Willst Du daher, mein junger Freund am Glauben Deiner Väter festhalten, willst Du des Sonntags einer heiligen Messe beiwohnen, willst du von Zeit zu Zeit das hl. Busssakrament empfangen, so werde nicht Kellner. " LW, 7/8.8.86

" Für einen Burschen aber, der es nicht weiter als bis auf Quinta, Quarta oder Tertia gebracht aht, ist die Welt viel zu klein, wenn er, anstatt zur Schaufel oder Mistgabel zu greifen, sich mit seinen wenigen Brocken Französisch oder Latein durchs Leben schlagen will. Anstatt zu Hause zu bleiben, suchen sie Paris auf und vergrössern dort das Contingent der déclassés. Ich sah in Paris z. B. einen luxemburgischen Primaner als Strassenkehrer, eine Sekundaner als Kutscher und zahlreiche, frühere Schüler der untersten Klassen des Progymnasiums als Dienstboten angestellt und 30 bis 40 Franken per Monat verdienen. " LW, 9.8.86

" Schlechter aber sind diejenigen dran, die nach Paris kommen, um dort eine Stelle als Schriftführer oder als einfacher Schreiber zu suchen. Wirklich, diese jungen Leute sind zu bedauern. Nach langem Suchen finden selbe in einem jener Häuser Unterkommen, wo man zum Preise von 25 centimes ein tausend Adressen abschreiben muss. Zehn Stunen rastloser Arbeit sind erfordert, um sich ein Einkommen von 2 bis 3 Fr zu verschaffen. " LW, 5.3.86

" Insbesondere bedauere ich das Loos unserer Luxemburger Mädchen, für welche Paris nur zu oft das Grab der Ehre und der Tugend wird. Man hat keine Idee, in wieviel tausendfachen, verschiedenen Gestalten die Verführung in den Grossstädten an den Menschen herantritt. Besonders sind diejenigen Mädchen zu bedauern, die, ohne ein Wort Französisch zu verstehen, nach Paris kommen, um dort eine Stelle zu bekommen. Nein, nein, bleibt in der Heimath, kommt nicht nach Paris, wo Schimpf und Schande eurer erwarten. " LW, 11.8.86

" Wer Paris nicht kennt, der hat keine Ahnung von den Gefahren, denen dort unsere Mädchen ausgesetzt sind. Man frage in der Polizeipräfektur, man erkundige sich in der Morgue, wo man die in der Seine wiedergefundenen Leichen ausstellt und man wird erfahren, wie viele Opfer die unglückliche tour de France schon gefordert hat. " LW, 232, 1886

" Ich sah Jünglinge und Mädchen hier zu Grunde gehen, die zu Hause ein Muster von Tugend und Frömmigkeit waren. Ich kannte eine Luxemburgerin, die während ihres hiesigen Aufenthalts in den ersten Jahren als Muster hätte hingestellt werden können. Es war die Tochter eines Lehrers. Schon nach einem Jahre kehrte die Tochter in traurigen Umständen nach Hause zurück. " LW, 233/234, 1886

" Es ist noch nicht lange her, da besuchte ich einen Luxemburger, der in einem der laicisierten Spitäler von Paris krank darniederlag. Was aber von jenen Wärtern und Wärterinnen sagen, die man weiss nicht woher kommen ; die den Kranken, wenn derselbe seiner Auflösung nahe ist, um Geschenke ansprechen ? Was von jenen Wärterinnen sagen, die man besoffen in den Treppen liegen findet ? Was von jenen Wärtern schreiben, die einen Kranken, der mehr als gewöhnlich, weil er sich gar nicht rühren konnte, ihre Dienste in Anspruch nehmen musste, diesen einfach aus dem Bette zogen und in einen dunkeln Winkel einsperrten ? Die Luxemburger, die nicht ihre eigene Familie in Paris besitzen, sind alle hier darauf angewiesen, in Krankheitsfällen in die Spitäler zu wandern. Wir sind und werden hier als Fremde betrachtet und der Wärter und die Wärterin werden nicht verfehlen , in ihrem Chauvinismus zu sagen : Crève prussien ! " LW, 324/326, 1886